09.10.2018, 18:09 - Wörter:
Lehrerzimmer
am 01.01.1970
Minerva McGonagall sollte wirklich dankbar sein, dass sie die Legilimentik nicht beherrschte. Ansonsten hätte sie Dolores Umbridge nur zu gerne erklärt, worüber im Lehrerzimmer üblicherweise getuschelt wurde – denn eben jenes Getuschel hatte mit Bekanntwerden des Lehrerwechsels erneut sehr stark zugenommen. Schön, die Stimmung mochte gedrückter sein, die Feinde waren zahlreicher geworden in Hogwarts, doch noch immer waren sich die meisten Lehrer in einer Sache einig: Der plötzliche Abgang von Dolores Umbridge durch den Zentaurenangriff hatte Hogwarts nur gutgetan. Auf den Fluch, der angeblich auf dem Posten des Lehrers für Verteidigung gegen die dunklen Künste lag, war immer Verlass und in einigen Fällen (Chrm, chrm. Lockhart. Umbridge.) hatte Minerva aus diesem Grund sogar mit Hoffnung dem Ende des Schuljahres entgegen geblickt. Immerhin, wie unerträglich die Lehrer auch sein mochten, musste man sie doch nur für eine absehbare Zeit erdulden. Aber was nützte dieser Fluch, wenn es noch andere Posten zu besetzen gab? Was nützte ein gewaltsamer Abgang, wenn diese … Person … nicht einmal erkannte, dass sie geschlagen war? Wenn das rosa Knallbonbon so mir nichts, dir nichts, nach Hogwarts zurückmarschierte, als sei nie etwas geschehen und als habe das ganze Schloss nur darauf gewartet: Dass endlich jemand kam, der die Schule aufräumte. Minerva seufzte angewidert. Vielleicht sollte sie an die Weasley-Zwillinge schreiben und sie bitten, noch einmal ein Chaos zu veranstalten, damit sie wenigstens über etwas lachen konnten?
Bisher jedenfalls war ihr eine Begegnung mit Dolores erspart geblieben und sie wusste nur vom Hörensagen, dass die böse Hexe hier wieder ihr Unwesen trieb. Aber das Glück war dieser Tage selten auf Minervas Seite. Und als hätte dieser Gedanke eine magische Wirkung, wurde die Tür zum Korridor geöffnet und herein trippelte niemand Geringeres als Professor Dolores Umbridge. Minerva erwiderte ihren Blick, stocksteif im Stuhl sitzend und schmallippig wie eh und je. Wäre sie doch nur mit Poppy und Pomona mitgegangen, als die angekündigt hatten, einen kleinen Spaziergang durch die Gewächshäuser machen zu wollen! Wie gelähmt blieb Minerva sitzen, als zöge das Unheil an ihr vorbei, wenn sie in Schockstarre verfiel … aber natürlich war das Glück einmal mehr nicht auf ihrer Seite. „Nanu, wo sind denn alle hin?“, erklang die Stimme, die Minerva so verabscheute, süßlich. Ihr Blick glitt zu dem Pergament, das Umbridge in den Händen hielt und ihre Nasenflügel blähten sich. Was auch immer auf diesem Pergament stand, es konnte auf keinen Fall etwas Gutes sein! Schon jetzt, obwohl kaum ein Wort gefallen war, spürte Minerva ihre angespannten Nerven. Sie war zu alt für so etwas! „Sie genießen ihre Pause andernorts“, entgegnete Minerva trocken, „Mir war nicht klar, dass eine Versammlung anberaumt war, die Einladung muss mir wohl entgangen sein.“ Tatsächlich hatte Minerva nichts dergleichen erhalten, auch wenn sie im Stillen dachte, dass sie eine parfümierte pinkfarbene Pergamentrolle (sie konnte die noch lebhaft vor ihrem geistigen Auge sehen) ohnehin ungeöffnet in den Kamin fallen lassen würde – versehentlich, selbstverständlich. Aber sie wusste, dass sie kein einziges Mal mehr ertragen konnte, nur das Wort 'Nachsitzen' zu lesen. Wie ein Aasgeier zog Dolores ein paar Runden im Lehrerzimmer und Minerva folgte ihr mit finsterem Blick.
Ihr Blick verfinsterte sich noch mehr, als Dolores schließlich vor ihr stehen blieb, ihre Freude verkündete und ihr die Hand reichte. Es brauchte alle Selbstbeherrschung, die Minerva aufbieten konnte, um ihren Händedruck zu erwidern. Doch sie entriss ihre Hand den Stummelfingern möglichst bald wieder. Sie konnte den Gruß nicht erwidern – so zuckersüß konnte sie einfach nicht sein! Doch weil Minerva nicht so früh schon offene Feindseligkeiten austauschen wollte, antwortete sie stattdessen in einem Mittelmaß aus gespielter Höflichkeit und versteckter Seitenhiebe: „Sie haben sich also gut von ihrem letzten Mal hier erholt, Dolores? Ausgezeichnet.“ So viele Antworten lagen Minerva auf der Zunge, so viele Dinge, die sie gerne gesagt hätte. Aber das wäre so schrecklich dumm! Also versuchte Minerva stattdessen, ihren eigenen Ratschlag zu befolgen: Die Zunge im Zaum und den Kopf in Deckung zu halten. „Mir geht es sehr gut, danke der Nachfrage. Haben Sie sich schon gut einleben können?“ Sie bemühte sich nicht um einen freundlichen Tonfall, noch zeigte sie sonderlich großes Interesse, doch alleine die falschen Worte störten Minerva schon sehr. Wenn Dolores sie jetzt zur besten Freundin haben wollte, sollte sie vielleicht doch noch über eine Änderung ihres zukünftigen Lebensplans Gedanken machen.