12.07.2019, 23:06 - Wörter:
Die Ruine
am 01.01.1970
31. Oktober 1998, sehr später Abend
Polly war ein großer Fan von Halloween, da man da so wirklich alles rauslassen konnte – klamottentechnisch. Und das musste aus ihrem Mund schon etwas heißen, immerhin war sie nicht gerade bekannt für ihren zurückhaltenden, gedeckten Kleidungsstil. Aber an Halloween konnte man tonnenweise Glitzer auftragen und funkeln und schillern, so wie Polly es auch tat. Sie hatte sich ein superaufwändiges Paradiesvogel-Kostüm genäht –mit ihrem Job lief es gerade nicht so und da hatte sie viel Zeit für solche Dinge, was ein großer Vorteil an ihrer Tätigkeit war – und sie war mindestens in alle Farben des Regenbogens gewandet. Zugegeben, am Anfang des Abends hatte sie tatsächlich mal besser ausgesehen, jetzt hatte sie schon ein oder zwei Sektchen konsumiert und ein paar von diesen bunten Schnäpsen, die so unglaublich süß waren. Polly stand an der Bar und beäugte sie nun näher, weil sie sich nicht so recht zwischen all den bunten Getränken entscheiden konnte, als der Barkeeper ihr anbot, aus allen zusammen einen Cocktail zu mischen, was Polly für eine mindestens grandiose Idee hielt. Während sie wartete und sich ihren pinken Lippenstift, der sich furchtbar mit ihren Haaren biss, auftrug, schaute sie sich ein bisschen um.
Sie griff nach ihrem Drink und bedankte sich mit ihrem strahlendsten Lächeln für die niedlichen bunten Schirmchen darin, als sie plötzlich jemanden zur Bar vordringen sah, der ihr ziemlich bekannt vorkam – Jacob? Was hatte der denn da an? Polly kniff die Augen zusammen, um sein Kostüm genauer beäugen zu können. Zum Glück war sie nicht mehr ganz nüchtern, denn so konzentrierte sie sich viel mehr auf sein wenig einfallsreiches Kostüm als auf die Tatsache, wie sie zuletzt auseinander gegangen waren und dass sie irgendwie gar nicht so recht wusste, wie sie reagieren sollte, denn offenbar hatte Jacob sie nicht erkannt und würde in wenigen Sekunden geradewegs an ihr vorbeikommen, was sicherlich ein reichlich unangenehmer Moment werden könnte. Aber an das alles dachte Polly nicht und so war sie irgendwie überrascht, als sie sich plötzlich gegenüberstanden. „Hi Jacob“, sagte sie und erst in diesem Moment dämmerte es ihr, dass sie vielleicht noch weniger als sonst wusste, wie sie mit ihm umgehen soll, da irgendwie nie so ganz klar war, ob er freundlich sein wollte oder ausrastete und ob er an gebrochenem Herzen litt oder viel eher kein Herz besaß. Tatsache war, dass man vorsichtig sein musste. „Ähm… nettes Kostüm“, sagte sie und lächelte unsicher. Sie war sich nicht mehr so ganz sicher, wie sie verblieben waren, aber wenn sie sich nicht täuschte, hatte Jacob gesagt, er würde gerne mal wieder mit ihr reden? Wobei er sicherlich nicht mehr mit ihr reden wollte, wenn sie ein Paradiesvogel-Kostüm trug… „Was machst du hier? Mit wem bist du unterwegs?“, erkundigte sie sich unverfänglich, wollte aber eventuell herausfinden, ob er mit seiner Freundin hier war, die man eigentlich nie zu Gesicht bekam und für die er offenbar auch nicht besonders viel übrig hatte.
