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Die Ruine
am 01.01.1970
31. Oktober 1998, sehr später Abend
Polly grinste schief bei Jacobs Antwort und machte eine abwinkende Handbewegung. „Ist schon gut.“ Eigentlich glaubte sie nicht einmal, dass ausgerechnet Jacob untreu sein sollte, wo er doch ewig lang in Amerika gehockt und auf sie gewartet hatte. Aber so, wie es sich zuletzt angehört hatte, lief es mit dieser ominösen Freundin ja auch nicht so toll und eigentlich gefiel Polly diese Vorstellung auch besser, wenn sie ehrlich war.
Dann zuckte sie amüsiert die Schultern. „Ich hab dich gewarnt“, meinte sie, denn Jacob ließ ja oft genug heraushängen, was er nicht so gerne mochte – auch bei Alkohol. „Ich kenne übrigens eine Menge Sachen, die gut dagegen helfen, aber von denen wirst du sicher auch nicht begeistert sein.“ Gelbwurz in Rinderfußöl, aufgesetzt bei Vollmond zum Beispiel, aber davon wollte Jacob bestimmt nichts hören.
Irgendwie dämmerte Polly nun auch, dass es vielleicht doch nicht ganz so gut war wie gedacht, dass diese alten Sachen nun raus waren. Unabhängig davon, was genau gesagt worden war, schien es ja jetzt doch Ärger zu machen. Dabei hatte Polly eigentlich gedacht, dass die Sache nun abgehakt war. Oder gehofft… Ein bisschen hatte sich ja eventuell schon vorher angedeutet, dass es so leicht nicht war. Polly biss sich auf die Unterlippe, unentschlossen, was sie machen sollte. Sie konnte Jacob verstehen, der sich über ihren Bruder aufregte, und vielleicht konnte sie auch ihren Bruder verstehen, der wahrscheinlich keine Lust auf dieses Theater hatte. Aber sie fand es frech, dass offenbar beide so taten, als sei sie nicht ganz zurechnungsfähig. „Naja… Ich verstehe, dass du dich ärgerst“, begann sie, „aber er hat es sicher nicht so gemeint. Es ist ja jetzt geklärt!“ So ganz wohl fühlte sie sich nicht in ihrer Haut, denn das letzte, was sie wollte – und auch immer gewollt hatte – war, irgendwelche Reibereien zwischen Vincent und Jacob zu provozieren… Trotzdem. „Ihr spinnt doch beide“, sagte sie dann und rümpfte die Nase, „Wie genau sollst du mir denn jetzt das Herz brechen? Ihr tut beide so, als würde ich dich eine Sekunde ansehen und sei sofort nicht mehr zurechnungsfähig! Ich kann ganz gut mit dir reden, ohne an gebrochenem Herzen zu sterben…“ Polly wollte nicht leugnen, dass bestimmte Gefühle eventuell nochmal hochgekommen waren, ja, und sie wollte auch nicht sagen, dass sie keine Schwäche dafür hätte, sich in hochdramatische, aber überaus romantische Gedanken zu verwickeln – aber das sollten diese beiden doch jetzt nicht bitte als gegeben hinstellen!
„Was? Nein!“, sagte sie dann irritiert, denn natürlich hatte sie nichts abgesprochen. Eventuell hatte Vincent aber auch Recht. Oder zumindest ein bisschen. „Man kann ja auch mit Leuten reden, ohne si direkt heiraten zu wollen“, meinte sie trotzdem, denn so war es ja zum Beispiel bei ihr in diesem Fall! Aber das traute ihr wohl niemand zu… Dann bedachte sie Jacob mit einem weiteren bösen Blick. Hatte ja ganz toll geklappt, sich nicht zu streiten. „Frag ich mich auch!“, meinte sie, „aber es liegt vielleicht daran, dass ich dich mag und ich glaube, du magst mich auch, obwohl du dir so große Mühe gibst, das nicht zu zeigen.“ Angeblich hatte sie ja Jacobs Herz gebrochen, aber klar, jetzt wurde alles wieder so verdreht, dass sie die Dumme war, die ihm ewig nachhing… „Außerdem kann ich es nicht gut aushalten, wenn jemand keinen Bock auf mich hat.“
