10.10.2026, 10:48 - Wörter:
Briefwechsel Atreus und Emilia
Emilia war wahnsinnig. Das hatte er gewusst. Nicky hatte ihm das gesagt, Nero hatte ihm das gesagt. Merlin, er hatte es ja selbst gesagt - mehr als einmal im Übrigen. Als er nach einer Sitzung also zurück in sein Büro kehrte und davor dieselbe Elfe wie zuvor entdeckte, diesmal mit vier Briefen statt mit dreien, hätte das Atreus wohl eigentlich nicht weiter verwundern sollen. Diesmal brauchte er die Umschläge nicht einmal anzusehen, um zu wissen von wem sie waren. Natürlich hatte Emilia seinen subtilen Hinweis ihm nicht mehr zu schreiben nicht verstanden. Oder vielleicht eher: Nicht verstehen können wollen. Das würde ein Problem werden. Hmhm.
„Wie lange stehst du schon hier?“
„Eine Stunde und zweiundvierzig Minuten, Sir.“
Er hatte es befürchtet. Emilia hatte also ziemlich direkt nach seinem Brief geantwortet und ihre Elfe geschickt. Und seit dem stand die Elfe hier vor seinem Büro mit Briefen die wirklich niemand lesen sollte. Ganz abgesehen davon, dass jemand ja allein die Hauselfe als eine der Slughorns erkennen könnte. Atreus seufzte. Er brauchte dringend eine Assistenzkraft, die sich um so etwas kümmern konnte.
„Hat jemand nach den Briefen gefragt oder dich in der Zeit angesprochen?“
Noch während Atreus fragte fischte er mit den Fingern nach den vier(!) Umschlägen.
„Nur eine kleine Hexe mittleren Alters, Sir. Braune Haare, hochgesteckt. Sie wollte wissen, wann Sie wiederkommen.“
„Keine Frage zu den Briefen?“
„Nein, Sir.“
Atreus schwieg einen Moment. Er wusste nicht, ob dir Hauselfe der Slughorns ihn anlügen würde. Selbst wenn sie aber die Wahrheit sagte, hatte Atreus kein Interesse daran, dass sich diese Situation wiederholte.
„Richte deiner Herrin aus, dass ich bis zum Abend nicht dazu kommen werde ihre Briefe zu lesen. Sollte sie trotzdem noch weitere Briefe schicken, bringe sie zu mir nach Hause. Einer meiner Elfen wird sie dort entgegen nehmen.“
„Aber-“
Atreus schenkte dem Protest der Slughornelfe kein Gehör. Wenn Emilias Anweisungen dem widersprachen konnte sie natürlich nicht auf ihn hören. So aber wusste Emilia wenigstens, warum sie keine Antwort erhielt, ohne dass er ihr dafür eine Antwort schicken musste, was dieser Aussage widersprochen hätte.
Er selbst meinte jedoch, was er sagte: Den restlichen Tag über verwahrte er Emilias Briefe sorgfältig in einer verschlossenen Schreibtischschublade, die er erst öffnete, als er gegen Abend beschloss, zuhause weiter zu arbeiten. Er nahm die Umschläge aus der Schublade, verstaute sie in seinem Jackett und machte sich auf den Weg zu den Flohnetzwerkkaminen. Es fiel Atreus überraschend schwer, seine Gedanken auf etwas anderes zu richten als die Briefe in seiner Tasche. Ein kurzer Smalltalk im Foyer, die üblichen Begrüßungsfloskeln Zuhause - all das waren Dinge, die ihm sonst leichter fielen. Aber er war auch übermüdet, nicht wahr? Vielleicht sollte er heute einfach ein wenig kürzer treten. Er ließ sich also von seinen Elfen für das gemeinsame Abendessen entschuldigen und stattdessen eine Portion an seinen Schreibtisch im Schlafzimmer bringen, wo er, anstatt sich weiterer Arbeit zu widmen oder seinen Schlafmangel auszugleichen, endlich Emilias Briefe öffnete. Und bereits nach den ersten zwei Zeilen war Atreus froh um seine Entscheidung, die Briefe erst jetzt zu lesen. Merlin, das war… dachte sie überhaupt darüber nach, was sie schrieb? Emilias Worte waren so filterlos, so offen, dass Atreus nicht sicher war, ob ihm das schmeicheln oder auf die Nerven gehen sollte. Sie schrieb von Frankreich und ihrer Fragilität, die sie sonst doch lieber überspielte, von Wärme und Nähe, die - ah!
An dieser Stelle unterbrach Atreus die Lektüre für einige Momente, stützte seinen Kopf ein wenig verzweifelt in seine Hände und wartete ab, bis das Schlimmste vorüber war. Erst danach las er weiter, hatte jedoch das Gefühl, dass sein ganzes Gesicht noch immer glühte. Warum… warum schrieb sie so etwas, wenn es ihr gleichzeitig nicht gelang, eine klare Antwort auf seine Fragen zu geben, wenn er sie stellte?
Erst Emilias vierter Brief war… angemessener. Er war noch immer durch und durch Emilia, aber er sorgte dafür, dass er sich zumindest ein wenig beruhigte und sich so etwas wie eine Antwort in seinen Gedanken zu formulieren begann. Gleich dreimal während der Lektüre entglitt Atreus ein amüsierter Laut, dann legte er den Brief kopfschüttelnd beiseite und entschied sich doch für eine Antwort, bevor er das Abendessen auch nur anrührte.
Zitat:AN: Emilia Slughorn
VON: Atreus Travers
Emilia,
und wie immer unterschätzt du die Notwendigkeit von Geduld maßlos. Ich kann nicht dafür garantieren, wer deine Briefe liest, wenn du sie ans Ministerium schickst. Und stell dir nur vor, in welcher Misere du jetzt wärst, wenn deine letzten drei Briefe in den Händen von jemandem gelandet wären, der akribisch Buch über die Schwächen und Stärken seiner Mitmenschen führt. Zu welch Aktenvermerk hättest du so jemanden mit deinen Andeutungen gebracht? Nicht auszumalen, in welchen Situationen diese Worte dann gegen dich verwendet würden, bloß weil du vor lauter Ungeduld nicht an dich halten konntest.
Ich bin selten den ganzen Tag in meinem Büro und habe selbst dann kaum Zeit private Angelegenheiten postalisch zu beantworten. Du wirst dich also in Zukunft sehr wohl daran gewöhnen müssen, zu warten. Schrecklich, ich weiß. Such’ dir ein Hobby.
Sollte es sich tatsächlich um eine dringende Angelegenheit handeln, wirst du mich persönlich aufsuchen müssen. Aber ich warne dich gleich davor, das für aufgebauschte Unwichtigkeiten zu missbrauchen. In dem Fall müsste ich dich auf die Liste der unerwünschten Besucher setzen und man würde dich gleich im Foyer abweisen.
Das war natürlich Unsinn. Eine Solche Liste gab es nicht. Aber im Zweifelsfall würde er sie eben einführen müssen. Ob es jedoch ausreichen würde, um eine Slughorn wirklich des Ministeriums zu verweisen? Er war nicht sicher. Er jedenfalls hätte auch mit einem solchen Eintrag seinen Weg hinein gefunden. Atreus behielt den Absatz dennoch bei. Es ging ja um dir Botschaft dahinter, nicht wahr? Seine Geduld mit ihr war eben auch nicht unerschöpflich.
Zitat:Wenn du Gewürzhandel im Übrigen ganz grundsätzlich mit etwas gewöhnlichem verbindest, zeigst du damit bloß deine eigene Unerfahrenheit. Aber ich nehme an, viel weiter als Frankreich und das kalte, verhärmte England hast du es nie gebracht?
Der letzte Teil fiel Atreus am schwersten zu formulieren. Nicht, weil er nicht wusste, was er antworten sollte. Er wusste nur nicht, wie viel er ihr hier durchgehen lassen wollte. Er entschied sich schließlich für die wohlwollendere Variante, auch, weil Emilia ihm ja genug Zündstoff gegeben hatte, um sie wochenlang damit aufzuziehen. Da konnte er diese eine Gelegenheit ziehen lassen, nicht wahr?
Zitat:Sonntagabends bin ich gelegentlich ebenfalls hungrig, das trifft sich also gut. Sei um Sieben fertig, ich lasse dich abholen.
Hältst du bis dahin aus?
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