15.09.2018, 11:39 - Wörter:
Flur
am 01.01.1970
Florence bittet James um Hilfe | Sonntag, 1. November | nachmittags
Florence war entgegen all ihrer Vorsätze doch schwach geworden und hatte sich in der letzten Woche eins dieser Hochglanzmagazine für werdende Mütter gekauft. Sie besuchte schließlich keine Geburtstvorbereitungskurse und hatte auch sicher keine Zeit für irgendwelche Kaffeekränzchen mit anderen Schwangeren zum angeblichen Erfahrungsaustausch, bei dem ihr wahrscheinlich noch übler werden würde als es ihr sowieso jeden Tag schon war. Es war schon anstrengend genug, dass man ihr die Schwangerschaft inzwischen wirklich ansah und es da nicht mehr viel zu kaschieren gab, so dass selbst vollkommen fremde Menschen sich bemüßigt sahen ihr einen netten Blick zuzuwerfen oder sogar einen Kommentar abzulassen. Und ja, Florence freute sich auf das Baby, freute sich darauf ein Kind zu haben, auch wenn die Umstände so sicher nicht beabsichtigt werden waren, aber dass eine Schwangerschaft so dermaßen anstrengend war, das hatte bisher noch nirgends in dieser scheiß Zeitschrift gestanden. Im Gegenteil, dort wurde nur rumgefaselt von schöner Haut und gesunden Haaren und diesem Glow, der sich über die werdenden Mamis legte und dafür sorgte, dass sie wahrscheinlich den ganzen Tag über Blumenwiesen hüpften. Kein Wort wurde dort darüber verloren, dass auch Schwangere noch Geld verdienen mussten und es wirklich schwierig war Kunden zu verklickern, dass man den Termin nicht wahrnehmen konnte, weil man den ganzen Morgen über der Kloschüssel gehangen hatte oder weil einem die Füße so angeschwollen waren, dass man sich fühlte wie eine lebensgroße Ente und jeder Schritt war so schmerzvoll wie Laufen über Lava. Das alles wurde noch gekrönt von weichgezeichneten Fotos geheimnisvoll lächelnder Frauen, die ihren Bauch streichelten, verträumt am Kochtopf standen oder Babybettchen aussuchten, natürlich betreut von ihren treuen Ehemännern, die mindestens ebenso debil grinsten wie ihre Frauen, bei denen außer des Bauchs rein gar nichts aufgedunsen war.
Ganz sicher hatte Florence dort kein Bild gesehen, dass auch nur im Entferntesten ihr glich - nämlich einer schwangeren Frau, die leise stöhnend auf dem Sofa lag und sich seit drei Tagen nicht hatte ordentlich waschen, geschweige denn das Haus verlassen können, weil ihr jedes Mal, wenn sie es versuchte, nach zwei Minuten schwarz vor Augen war und sie unter kalten Schweißausbrüchen wieder zurück aufs Sofa stolperte. Die nutzlosen Heiler um Mungos hatten sie untersucht und ihr dann mitgeteilt, dass das ganz normale Schwangerschaftssymptome seien, jede Schwangerschaft sei eben unterschiedlich und sie solle sich schonen und sich einfach mal verwöhnen lassen. Die konnten echt froh sein, dass sie ihnen nicht mit dem Magazin eins übergezogen hatte. Sie hatte es mit verschiedenen Vitaminen versucht, aber nach drei Tagen kraftlos auf dem Sofa liegen und ncihts gebacken zu kriegen war ihre Grenze erreicht. Sie war im Kopf ihre Optionen durchgegangen, hatte an ihre Familie gedacht und das sehr schnell wieder verworfen und dann war da ziemlich schnell nur noch eine Person übrig geblieben. Als sie James den Brief geschrieben hatte, war ihr direkt noch schlechter geworden. Allein der Gedanke um Hilfe bitten zu müssen, so elend und ausgeliefert zu sein und ihm auch noch mitteilen zu müssen, wo sie wohnte, schüttelten sie kräftig durch. Aber sie schickte die Eule trotzdem los und James brauchte nicht mal lange, um vor ihrer Tür aufzukreuzen. Florence schleppte sich den Flur und öffnete ihm. "Hallo James", sagte sie etwas steif und hasste alles daran, welchen Anblick sie gerade bieten musste. Glow war da sicher nirgends zu finden. "Danke, dass du gekommen bist, lass uns ins Wohnzimmer gehen, wenn du nichts dagegen hast", redete sie zügig weiter und spürte schon wieder, wie ihr die Beine wackelig wurden.
